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Paargeschichten

Im Dschungel
der Gefühle

Nachdenkliches,
Anregendes,
Skurriles,
Mögliches

Schönheit des Augenblicks

Raimund Schöll am 12.03.2015

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Neulich hörte ich von folgender Geschichte:

An einer U-Bahn-Haltestelle in Washington DC steht an einem kalten Januarmorgen 2007 ein Mann mit einer Violine. Er spielt Bach, auch Schubert. Während dieser Zeit kommen im morgendlichen Berufsverkehr Hunderte von Menschen an ihm vorbei. Es dauert ein paar Minuten, bis der erste Passant den Geiger bemerkt. Er verlangsamt seinen Schritt für ein paar Sekunden. Aber er unterbricht seinen Weg nicht. Kurz darauf wirft eine Frau den ersten Dollar in den Hut des Musikers, aber auch sie bleibt nicht stehen. Ein junger Mann hält kurz inne, um zuzuhören. Aber ein Blick auf seine Uhr treibt ihn an weiterzugehen. Dann nähert sich ein etwa dreijähriger Junge. Er möchte stehen bleiben, aber seine Mutter zieht ihn an ihrer Hand weiter. Das Kind schaut im Gehen zurück, will der Musik weiter zuhören. Die Mutter treibt es an. Wie dieser Junge verhalten sich einige Kinder, aber ausnahmslos drängen ihre Eltern sie zur Eile. Der Geiger spielt ohne abzusetzen. Insgesamt sechs Menschen bleiben vor ihm stehen und hören ihm für kurze Zeit zu. Vielleicht 20 Vorübergehende werfen ihm eine Münze in den Hut. Nach einer knappen Dreiviertelstunde beendet der Geiger sein Konzert. Es wird still. Aber niemand nimmt davon Notiz, niemand applaudiert. 32 Dollar sind zusammen gekommen.

Der Violinist war Joshua Bell, einer der besten Musiker der Welt. Er spielte u.a. eines der komplexesten und schwierigsten Musikstücke, die jemals geschrieben wurden: Die „Chaconne in d-Moll“ von Johann Sebastian Bach. Die Geige, die er dafür verwendete, war 3,5 Millionen Dollar wert. Zwei Tage davor hatte Joshua Bell vor einem ausverkauften Haus in Boston das gleiche Konzert gegeben. Die Karten für dieses Ereignis kosteten durchschnittlich 100 Dollar. Sein Auftritt in der U-Bahn-Station war ein Experiment. Die Zeitung „Washington Post“ hatte es in Auftrag gegeben. Die Redaktion interessierte die Frage, ob Menschen Schönheit auch in einem ganz alltäglichen Umfeld wahrnehmen. Ob wir die Besonderheit einer Situation in einem unerwarteten Kontext erkennen. Und ob wir uns in unserem routinierten Tagesablauf vom Augenblick berühren lassen.

Mein Gedanke als Paarberater während des Zuhörens war: Wie läuft das eigentlich in unseren Paarbeziehungen? Leben wir nicht gerade auch da, wenn uns der Alltag fest im Griff hat, bisweilen recht achtlos aneinander vorbei, ohne die Besonderheiten, die vom anderen ausgehen, noch zu bemerken? Passiert es nicht zu oft, dass wir gerade in langjährigen Beziehungen abstumpfen und das Schöne und Wertvolle, das neben dem Profanen und Nicht-So-Schönen ja auch noch existiert, aus dem Auge verlieren? Welche Augenblicke mit meinen Partner sind wirklich schön, aber ich nehme sie gar nicht mehr in dieser Art wahr? Und wenn dem so wäre: Wie kann ich mithelfen, die Schönheit des Augenblicks in der Beziehung zu meinem Partner wieder bemerkenswert zu machen?

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